Wenn Rezepte Geschichten erzählen…

In der französischen Kleinstadt Lamotte-Beuvron lebten einst zwei Schwestern. Die beiden Damen verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Betrieb eines netten, kleinen Hotels. Während die ausgeglichene Caroline die Hotelgäste im Service betreute, tobte sich die hitzige Stéphanie in der Küche aus. In der Jagdsaison mieteten sich viele Hobby-Jäger in dem Gästehaus ein. Tagsüber schossen sie mit großen Waffen auf kleine Vögel, Abends belohnten sie sich dafür mit opulenten Speisen. Es muss an einem dieser Abende passiert sein, als der Stress in der Küche am Größten war, und aus einer Rettungsaktion für einen mißlungenen Pie eines der wunderbarsten Tarte-Rezepte schlechthin entstand. Während der Pie-Belag in der üblichen Butter-Zucker-Mischung schmorte, wurde Stéphanie abgelenkt und erinnerte sich erst wieder an ihr geplantes Dessert als ihr der Duft von angebrannten Äpfeln in die Nase stieg. In Windeseile schnappte sie sich den Teig, rollte ihn aus und legte ihn im Versuch, noch irgendetwas zu retten, über die Äpfel. Die kleine Katastrophe den hungrigen Jägern kein Dessert servieren zu können war abgewendet, dass die Gäste sich jedoch vom Fleck weg in das warme karamellige Dessert verliebten, hätte sie niemals zu glauben gedacht. Und das ist die Geschichte eines Küchenklassikers der viele, viele Jahre überdauert hat und auch heute noch mit größter Verzückung gegessen wird…

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Es ist kaum zu glauben, aber bis vor kurzem gab es die französische Tarte lediglich in meinem Gedanken. Noch nie probiert, noch nie gemacht. In einer meiner Lieblingszeitschriften gibt es eine Rubrik „Klassiker der Weltliteratur – was muss ich gelesen haben?“. Ich könnte ohne Weiteres eine ähnliche Rubrik eröffnen: „Küchenklassiker  und welche es wirklich verdienen nachgekocht bzw. -gegessen zu werden!“. Die Tarte Tatin ist definitiv zu recht ein kulinarischer Klassiker. Unglaublich lecker und eigentlich sehr einfach und schnell  zuzubereiten. Einzigste Einschränkung: Madame Karamell kann manchmal eine fiese Zicke sein, die schnell eingeschnappt ist wenn man ihr nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Ist mir beim ersten Anlauf passiert, einen Tag später wurde jedoch die Versöhnungsfahne gehisst und aus Zucker und Butter wurde eine gutgelaunte und verführerisch duftende Madame Karamell.

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Die Tarte Tatin am besten noch warm aus dem Ofen essen, aufheben lohnt sich nicht wirklich. Eine Kugel Eis auf dem warmen Kuchen ist ebenfalls eine brillante Idee, auch wenn der Kalorienbedarf von Blätterteig, Karamell und Eis einen vorübergehend ins Nirvana befördert ;-).

Hier kommt das Rezept:

Backofen auf 220 Grad (Ober-/Unterhitze) vorheizen. 6 mittelgroße Äpfel schälen, halbieren und das Kerngehäuse entfernen. 100 g Zucker in einer Tarte Tatin Form (wer keine hat, verwendet eine ofenfeste Pfanne) schmelzen lassen, dann sofort 100 g Butter hinzugeben. Gut verrühren damit sich Zucker und Butter zu einem cremigen Karamell verbinden. Anschließend die Äpfel mit der ausgehöhlten Seite nach oben in die Form legen, darauf achten dass sie gut mit Karamell bedeckt sind. Etwa 10 Minuten garen bis die Äpfel langsam weich werden. Die Form von der Herdplatte nehmen.

Einen TK-Blätterteig ausrollen, mit der Gabel mehrmals einstechen und über die Äpfel leben. Teig rundherum abschneiden, dabei etwa 1 cm Überhang lassen. Wer wie ich keine ofenfeste Bratpfanne hat (der Griff ist meist das Problem!) schüttet die Karamell-Apfelmischung in eine gewöhnliche Keramik-Tarteform (Vorsicht, sehr heiß!) und verteilt die Äpfel gleichmäßig in der Form (ausgehöhlte Seite wenn möglich noch oben!). Den überstehenden Teigrand rasch seitlich in den Innenrand der Form drücken und die Tarte auf mittlerer Schiene im Backofen etwa 20 – 25 Minuten backen.

Wenn die Tarte eine schöne Farbe hat und fertig gebacken ist, aus dem Ofen nehmen und kurz eine Minute abkühlen lassen. Mit einem Messer vom Rand lösen und auf eine ausreichend große Servierplatte stürzen. Ruhig mutig sein, wichtig ist es die Form rasch zu stürzen, sodass die Tarte auf den Teller gleitet. In Stücke schneiden und warm mit einer Kugel Vanilleeis servieren.

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Meine Tarte Tatin habe ich ein kleinen Förmchen gebacken. Das geht genausogut, lediglich werden keine Apfelhälften sondern dünne Apfelspalten verwendet, damit die Tartelettes Tatin nicht zu dick werden. Die Backzeit verkürzt sich ebenfalls um ein paar Minuten.

Das Rezept sowie die Geschichte dazu stammen aus dem wunderbaren Kochbuch „Wie die Helene zur Birne kam – 50 Rezeptklassiker und ihre Geschichte“ von James Winter (Callwey) der es nicht nur schafft leckere Rezept zu beschreiben sondern auch die wunderbaren Geschichten drumherum zu erzählen. Dort lässt sich wunderbar und unterhaltsam nachlesen was Tortellini mit dem Bauchnabel von Lucrezia Borgia zu tun haben, wie der Gastronom Caesar Cardini seine Gäste mit Kühlschrank-Resten (Caesar Salat) begeisterte und wie der neapolitanische Pizzabäcker 1889 eine Königin mit seiner Pizza-Kreation sprachlos machte. Und wer Lust hat kann sich nach dem Schmökern direkt in die Küche begeben und draufloskochen.

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Und wie sagt der Autor James Winter so schön über die Tarte Tatin: „…seit das erste Stückchen vom Himmel gestürzt ist, hat sich wenig verändert.“ Und genau so schmeckt dieser zeitlose Klassiker – einfach nur himmlisch! Definitiv nachbacken, es lohnt sich.

Und welchen welcher Küchen-Klassiker hat deiner Meinung nach seinen Ehrenplatz mehr als verdient? Schreibs mir und ich verrate Dir ob die Geschichte Deines Klassikers in diesem Buch erzählt wird.

Allerliebste Grüße,

*bee

PS: Noch eine knappe Woche habt Ihr Zeit bei diesem Gewinnspiel mitzumachen. Die ersten Eis-Kreationen sind schon eingetrudelt und können auf diesem Pinterest-Board bewundert werden.

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Comments

  1. An dem Buch in ich schon ein paar mal vorbei geschlichen, vielleicht sollte ich beim nächsten mal genauer hinschauen 😉 Tart Tatin ist wirklich super, auch die Gemüsevariante mag ich sehr. Der Klassiker der schon länger auf meiner Liste steht ist der Frankfurter Kranz. Mal schauen wann ich diese Challenger mal angehe ;-). Liebe Grüße Emma

    • liebe emma,
      hm…. für herzhafte tartes lasse ich mich auch gerne begeistern! und einen frankfurter kranz habe ich weder gegessen noch gebacken und deswegen lass mich bitte unbedingt wissen wie es geklappt hat.
      ganz liebe grüße,
      *bee

  2. Ich liebe deine Rezepte, das hier wird natürlich auch ausprobiert! Ich wollte gerade fragen, welche Form du nimmst, als ich schon die Antwort las – ich habe nämlich auch so kleine Formen, dann sind die ja geeignet. Die Zutaten sind alle im Haus, dann kann’s ja morgen losgehen… 😀

    • liebe nell!
      danke, das freut mich! die formen habe ich sowohl in groß als auch in klein. die kleinen förmchen haben den vorteil dass die tartelettes sich meist leichter stürzen lassen und es gibt nichts zu portionieren ;-).
      allerliebste grüße,
      *bee

  3. Die Tarte Tatin ist auch eines meiner Lieblingsdesserts, ist auch sehr fein mit einem Klecks Rahm! Wenn wir schon bei den Desserts sind, für mich ist Tiramisu auch ein Klassiker!
    Liebe Grüsse Moni

    • liebe moni,
      ohhhhh jaaaaaaa, tiramisu mag ich ebenso und zwar in allen varianten… erdbeer-tiramisu, bratapfel-tiramisu, klassisches tiramisu… göttlich!
      nächstes mal gibts die tarte tatin definitiv mit rahm.
      liebe grüße,
      *bee

  4. frauknusper says:

    Das Buch kommt doch gleich mal auf meine Wunschliste. Vielen Dank für die schöne Erzählung und die Bilder machen Lust auf mehr. 🙂
    Liebe Grüße
    Sarah

  5. Oh wie lecker! Ich glaube die muß ich auch mal probieren.
    Und danke für die Geschichte dahinter! Da wird einem gleich so warm und karamellig ums Herz!
    Liebe Grüße
    Suse

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